Reisebericht 2018

von Florian Renz

Sivakasi. Schon mal gehört?

Nein? Ich bis vor ein paar Monaten auch nicht. Wer bei Google Sivakasi eintippt bekommt sehr viele Treffer zu einem indischen Bollywood-Streifen und ein paar weitere Treffer zu einer etwa 100.000 Einwohner zählenden Stadt in der südindischen Provinz.

Eine ganz normale Stadt in Südindien?

Während der Film bei der Plattform IMDB nicht einmal durchschnittliche Bewertungen aufweist, ist die Suche nach der Stadt deutlich interessanter. Sich in den gängigen Reiseführern auf die Suche nach Sivakasi zu machen, wird allerdings ergebnislos bleiben. Weder der allgegenwärtige und 1,400 Seiten starke Lonely Planet kennt Sivakasi, noch die anderen gut dreißig Reiseführer, die ich im Vorfeld meiner Recherche zu Sivakasi in der Hamburger Bücherhalle stehen, geben eine Auskunft. Und dennoch ist die Stadt weit über die Grenzen von Indien hinaus bekannt: Und zwar als wichtigste Produktionsstätte für Feuerwerkskörper und Streichhölzer überhaupt – ein Teil der Produktion landet an Silvester auch in unseren Händen, in Europa.

Die „City“ von Sivakasi

Was hat das nun mit mir zu tun? Dazu kehren wir ein paar Monate zurück: Es ist Juli 2018, wir erleben in Deutschland gerade den Jahrhundertsommer und an einem Sonntagabend findet das Finale der in Russland stattfindenden Fußballweltmeisterschaft statt. Während Frankreich gegen den Überraschungsfinalisten Kroatien spielt, stoße ich im Internet auf ein interessantes Straßenkinderheimprojekt in Indien, das quasi aus meiner Nachbarschaft, aus Hamburg-Hoheluft, geleitet wird.

Wichtigstes Bauwerk der Stadt ist der Tempel

Ich bin zu diesem Zeitpunkt nämlich auf der Suche nach einem geeigneten Projekt, dem ich meinen Gewinn eines Fußball WM-Tippspiels schenken kann. In meinem Unternehmen sind wir über 170 Tipper und ich habe es mit wenig Verstand, aber umso mehr Glück auf den dritten Platz geschafft, was eine stattliche Summe ergeben hat. Und während die beiden Finalisten den WM-Pokal noch ausspielen, stoße ich auf das Projekt KIDZ Shelter, in der mir unbekannten südindischen Stadt Sivakasi im Bundesstaat Tamil Nadu.

Weil das Klima sehr trocken ist und es bedeutend weniger regnet als an der Küste, ist Sivakasi ein äußerst geeigneter Standort für die Produktion von Feuerwerkskörpern, schließlich ist die Trockenheit bei der Herstellung und Lagerung sehr von Vorteil. Unzählige Firmen stellen die Produkte her und handeln mit der Ware, in weiten Teilen der Stadt und den umliegenden Orten stolpert man quasi über Fabriken, Shops und der dazugehörigen Werbung. Der Jahresumsatz mit Feuerwerkskörpern beträgt in der „Cracker City“ über fünf Milliarden Euro (2011).

Werbung für einen Feuerwerksfabrikverkauf

Seit 1991 sind aber auch über 120 Todesfälle bei der Herstellung der Böller dokumentiert, vor allem in den 1970er und 80er Jahren wurden zahlreiche Fälle von Kinderarbeit aufgedeckt. Obwohl diese in Indien verboten ist, kommt es bis heute immer noch vor, dass Kinder für diese Arbeit herangezogen werden. Mit großer Unterstützung der indischen Behörden und den eigens dafür ausgebildeten Child Protection Officers ist das KIDZ Shelter in der Welthauptstadt der Feuerwerkskörper damit ein deutliches Zeichen gegen Kinderarbeit. Und darüber hinaus eine Herzensangelegenheit für ein kindgerechtes Aufwachsen und einer guten schulischen Ausbildung.

Insgesamt betreut die 1965 von Adolf Klein in Norddeutschland gegründete Patengemeinschaft für hungernde Kinder e.V. 20 Heime mit 1.800 Kindern und ungefähr 300 Familien in den indischen Bundesstaaten Kerala und Tamil Nadu. Die beiden Hamburger Hadmut Scholz und Rüdiger Jester betreuen unter dem Dach der Patengemeinschaft das Kinderheim in Sivakasi. 25 Mädchen wohnen hier rund um die Uhr und besuchen von Montag bis Samstag die Grund- bzw. weiterführenden örtlichen Schulen. Mit den Spendengeldern haben die Mädchen die Gelegenheit, einen Schulabschluss zu machen und anschließend eine Berufsausbildung zu erhalten.

Was ich während des WM-Finales noch nicht ahnen kann, dass ich die beiden Verantwortlichen für dieses Projekt in den nächsten Wochen mehrmals treffen werde und sich schon bald herausstellt, dass sie meine Hilfe gut gebrauchen können. Denn schließlich ist es nicht leicht, für Spendenprojekte zu sammeln. Wir überlegen uns, wie wir neue Spender für das Projekt gewinnen können, im Besonderen auch mit Hilfe eines professionellen Web-Auftritts und einer Kampagne in den sozialen Medien. Und da ich mich zu diesem Zeitpunkt bereits für einen Urlaub gegen Ende des Jahres im von Sivakasi nicht all zu weit entfernten Sri Lanka entschieden habe, liegt der Plan klar auf der Hand: Ich werde die Gelegenheit haben, das Projekt direkt zu besuchen und mir einen Eindruck vor Ort zu verschaffen.

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