Reisebericht 2011

von Hadmut Scholz und Rüdiger Jester

Vierte Reise zum Kidz Shelter in Sivakasi im Januar 2011

Liebe Freunde und Unterstützer des Straßenkinderprojektes Sivakasi,

mit jedem weiteren Besuch in Indien – dieser ist seit 2007 der vierte – wächst unsere Vertrautheit in die Sitten und Gebräuche dieses Landes, die andere Art der Menschen, auf das Leben zu sehen, Abläufe zu bewerten, den Alltag zu bewältigen. In den Gesprächen mit den Mitarbeitern der Patengemeinschaft und den Heimbetreuern begreifen wir jedes Mal etwas mehr von ihren Sichtweisen, ihren Hoffnungen und Wünschen. Für manches, was uns anfangs sehr fremd anmutete, haben wir eine Erklärung erfahren und können das für uns hin und wieder sehr ungewöhnliche Verhalten nun deutlich besser verstehen und hoffentlich auch damit gelassener umgehen. Wir entdecken jetzt sehr viel mehr die Schätze dieses Landes als die durchaus auch sichtbaren Probleme. Umso mehr bewundern wir die Kraft der Menschen, unter auch widrigsten Umständen noch freundlich und gelassen zu bleiben. Die meisten Gesichter, in die wir schauen, sind zugewandt und lächelnd.

Auch im Kids-Shelter fühlen wir uns beschenkt von der Wiedersehens-freude, die uns in jedem Jahr entgegengebracht wird. Neugierig drängen sich die Kinder um uns, alle wollen uns die Hand schütteln, lachende Gesichter, wo wir auch hinschauen. Dabei kommen wir immer mit einer etwas unruhigen Neugier in Sivakasi an, wissen wir doch nie, welches der Gesichter uns noch bekannt ist und in wie viele neue wir schauen. Das hat mit dem Konzept dieses Hauses zu tun. Beim Kids-Shelter handelt es sich eben nicht um ein Kinderheim, in dem die Kinder mehrere Jahre als relativ feste Gruppe zusammenleben. Vielmehr ist dieses Haus  für Kinder gedacht, die bisher am Rande der Gesellschaft gelebt haben, weil entweder ihre Eltern Wanderarbeiter sind und kein Zuhause haben, aus  schwierigen familiären Verhältnissen oder aus den nahegelegenen Slums kommen.

Wir freuen uns, wenn die Kinder oder Elternteile sich entscheiden,  länger im Heim zu bleiben, um in die Schule zu gehen und auf diese Weise die Chance auf eine bessere Zukunft zu erhalten. Aber wir halten kein Kind fest, was dazu führt, dass die Kindergruppe, die wir antreffen, in jedem Jahr neu zusammengewürfelt ist.

Seit rd. sechs Monaten schlafen  18 Kinder regelmäßig im Heim, weitere 15 – 25 nutzen tagsüber die Essen- und Unterrichtsangebote.

Von den Heimkindern waren in     diesem Jahr  noch vier  da, die wir schon von den letzten Besuchen kannten. Alle weiteren  sind im Laufe des letzten Jahres hinzugekommen. Auch das Alter der Kinder hat sich deutlich verändert. Die Jüngsten sind sieben Jahre alt, die Älteste zwölf. Ältere Kinder, so hat sich gezeigt, können sich sehr schwer an ein festes geregeltes Leben gewöhnen und verlassen das Haus deshalb oft recht schnell wieder.

Neben diesen 18 Kindern trafen wir auch auf eine ziemlich große Gruppe sogenannter Slum-Kinder von außerhalb, die täglich morgens und abends kommen, weil sie hier warme Mahlzeiten erhalten. Im Schnitt sind das ca. 20 Kinder im Alter zwischen fünf und vierzehn Jahren.

Sie kommen aus einem Viertel, das ca. 2 bis 3 km vom Heim entfernt liegt, und das wir uns anlässlich unseres Besuches angesehen haben. Hier wohnen Familien unter ärmsten Bedingungen in finsteren Unterkünften.

Alle schlafen in einem fensterlosen Raum (max. in der Größe einer halben Garage) auf dem Boden, dort wird auf offenem Feuer auch gekocht, ein paar Schüsseln dienen als Waschgelegenheit. Das Wasser muss aus der auf dem Gelände befindlichen Wasserstelle herangeschafft werden. Vor diesen „Hütten“ sitzen Frauen und Kinder, die mit unermüdlicher Geschicklichkeit Papierrollen für Feuerwerks-körper herstellen: Lohn für eine Arbeitsstunde 6 ind. Rupien =  € 0,10.

Diese Mal gab es für uns nicht nur viele neue Kindergesichter, sondern wir lernten auch den seit Mai amtierenden neuen Heimleiter kennen. Er ist 48 Jahre alt und war bisher Lehrer für Englisch und Tamil, konnte seinen Beruf aber aus Krankheitsgründen nicht mehr ausführen.
Mr. Sutharkar ist ein freundlicher Mann, dem der Umgang mit Kindern Spaß macht und der sich offensichtlich schon recht gut in seine neue Aufgabe eingefunden hat. Nur eine Schwierigkeit hatten wir mit ihm: er versteht leider unser Englisch nicht, obwohl sein Schriftenglisch gut ist. Wir uns überlegen noch, wie wir seine Englisch-Kenntnisse verbessern können, denn wir möchten gern ohne Dolmetscher mit ihm reden.

Unser Anliegen ist es immer, über jedes einzelne Kind, das hier länger bleibt, so viel wie möglich zu erfahren. Wir möchten wissen, wie es sich eingelebt hat, welche familiären Hintergründe es hat, wie die schulische Situation ist.

Mit Mr. Sutharkar, der Englischlehrerin und unseren Begleitern von der Patengemeinschaft haben wir  jedes Kind besprochen und dabei stellte sich heraus, dass alle Heimkinder aus sehr schwierigen Verhältnissen kommen. Vielfach sind die Eltern Wanderarbeiter, d.h. sie leben  am Rand der Straße und ziehen von einer Arbeitsmöglichkeit zur nächsten.

Oft ist ein Elternteil verstorben und der Überlebende hat neu geheiratet, so dass oftmals die Kinder aus erster Ehe nicht  erwünscht sind. Dieses Schicksal gilt auch für die vier Kinder, die wir schon aus früheren Besuchen kennen. Es ist davon auszugehen, dass sie bis zum Ende ihrer Schulzeit im Haus bleiben werden. Umso wichtiger war für uns zu klären, welche schulische Laufbahn diese Kinder nehmen können. Bisher waren sie in einer Sonderschule, die die Kinder mit den Grundbegriffen des Lesen und Schreibens bzw. Rechnens ausstattet. Inzwischen sind sie in kirchliche Schulen übergewechselt, aber dort ist das Lernniveau meistens  leider niedrig. Deshalb wünschen wir uns für die länger bleibenden Kinder eine bessere Schule. Wir hoffen nun sehr, dass einige unserer Kinder in einer neu gegründeten Privatschule aufgenommen werden, weil die noch Kinder sucht

Acht der 18 Kinder besuchen z.Z. die Sonderschule, die übrigen sind wie gesagt in der Christian Mission School und der School of the Church of South India, die dem Niveau der übrigen indischen Schulen entsprechen und selten die Voraussetzungen für das Erlernen eines vernünftigen Berufes oder sogar ein Studium schaffen..

Wie jedes Jahr wurde uns eine lange Liste mit Wünschen für Anschaffungen im Haus, von Sport- und Musikinstrumenten sowie einen Heimausflug überreicht.  Da die Preise insbesondere für Lebensmittel deutlich gestiegen sind (über 15 % !), mussten  außerdem die monatlichen Kosten für die Kinder sowie für das gesamte Heim aufgrund der deutlich gestiegenen Kinderzahl neu berechnet und festgesetzt werden.

Froh sind wir, dass das Heim nach dem vor 18 Monaten erfolgten Umzug auch von offizieller Seite genehmigt ist und wir alle nötigen Papiere haben. Die indische Bürokratie ist unglaublich aufwendig geworden, d.h. alle 6 Monate muss die Genehmigung erneuert werden.

Es hat uns gefreut zu sehen, dass das Heim weiterhin einen sehr gepflegten Eindruck macht und die gekauften Musikinstrumente, der uns geschenkte CD-Spieler, die mitgebrachten Spiele etc. nicht nur intensiv genutzt werden, sondern auch behutsam behandelt werden.

Leider haben wir bei unserem Besuch auch erfahren, dass der Vermieter das Haus bei Beendigung des Mietvertrages in zwei Jahren verkaufen möchte. Daher haben wir zusammen mit Herbert Weihmann, dem 1. Vorsitzenden der Patengemeinschaft, begonnen zu überlegen, ob wir trotz der in Indien kräftig gestiegenen Haus- und Grundstückspreise das jetzige Heim erwerben oder uns nach einer anderen Lösung umschauen müssen.

Wir haben bei der Besprechung all dieser Dinge mal wieder erkannt, wie wichtig es ist, mindestens einmal im Jahr das Haus zu besuchen.

Neben all diesen organisatorischen Regelungen blieb aber noch genug Zeit für ein intensives Kulturprogramm, das die Kinder für uns mit Musik und Tanz und kleinen sportlichen Einlagen gestaltet haben. Hadmut hat zwischendurch etliche deutsche Spiele wie „Der Plumsack geht rum“ oder „Zublinzeln“ beigebracht. Das haben die Kinder mit Begeisterung aufgenommen.

Bei dieser Gelegenheit möchten wir Euch allen, die Ihr uns mit regelmäßigen Spenden oder dem großzügigen Verzicht auf Geschenke bei runden Geburtstagen oder Jubiläen sowie Kollekten und Zuwendungen dank der Veranstaltung von Basaren unterstützt, sehr herzlich bedanken.