Reisebericht 2013

von Hadmut Scholz und Rüdiger Jester

Reise nach Sivakasi im Januar 2013

Liebe Freunde und Unterstützer des Kidz Shelter in Sivakasi!

Vor jeder Reise nach Sivakasi sind wir etwas aufgeregt und voller Fragen: wie viele der Kinder, die beim letzten Mal da waren, sind noch im Heim? Wer kommt z.B. woher aus den umliegenden Slums? Wie ist die Schulsituation der Kinder? Was wird dringend benötigt, um das Leben der Kinder und das der Betreuer zu erleichtern ….

Als wir uns in diesem Jahr auf den Weg gemacht haben, hatten wir im Kopf schon ein mögliches Programm für den Ablauf der Tage, aber entsprachen unsere Ideen auch den Bedürfnissen der Menschen im Shelter?

Wie schon in den letzten Jahren begleitete Paulose uns auf unserer Fahrt und gab uns vorab einige wichtige Informationen. Paulose ist der älteste Mitarbeiter der Patengemeinschaft für hungernde Kinder in Indien, unter deren Dach auch das Kids Shelter in Sivakasi gehört und deren Mitarbeiter im Büro in Kolencherry alle Heime betreut, regelmäßig besucht und Sorge dafür trägt, dass den Bedürfnissen der Heime und Familien angemessen Rechnung getragen wird. So war uns auch in diesem Jahr Paulose ein wichtiger Ratgeber und Begleiter, denn die Suche nach einem neuen Heim für die Kinder stand ganz oben auf der Tagesordnung. Das Haus, das wir vor 3 Jahren gemietet hatten, hat sich in der Zwischenzeit als zu eng erwiesen, d.h. wir können hier nur höchstens 20 Kinder zum Schlafen und weitere 20 zur Beköstigung tagsüber unterbringen, obwohl – wie wir immer wieder vom Heimleiter gehört haben – der Bedarf deutlich höher ist. Im Juni müsste der Mietvertrag erneuert werden und dann gleich für zwei weitere Jahre.

Da es – das ständige Suchen des Heimleiters, Herrn Sutharkar, hat es gezeigt – nicht leicht ist, ein Haus zu mieten, stellte sich schon im Vorfeld die Frage nach einem Hauskauf. Angesichts der steigenden Grundstücks- und Baupreise in Indien galt es ein Haus zu vertretbaren Preisen zu finden. All diese Überlegungen bestimmten den Ablauf unseres mehrtägigen Aufenthalts in Sivakasi.

Aber zunächst einmal ging es darum, die Kinder zu begrüßen, die sehnsüchtig auf uns warteten und uns – wie üblich – mit Blumen und Ketten aus Sandelholzperlen stürmisch begrüßten. Unser Besuch ist für sie, so scheint uns, eine kleine Unterbrechung im alltäglichen Trott und deshalb freuen sie sich uns zu sehen, für uns zu singen und zu tanzen. Immer wieder schütteln sie uns die Hände, streichen sanft über unsere weißen Arme oder befühlen unser weißes Haar oder wagen sich gar, die Wange zu küssen.

Natürlich sind sie auch gespannt, was wir ihnen mitgebracht haben, also werden erst einmal die Süßigkeiten verteilt. Unsere weiteren Mitbringsel waren neben Malstiften und Spielen zwei Lampen, die mit Sonnenkollektoren ausgestattet sind und leuchten, wenn die tägliche Stromsperre – die maximal 12 Stunden pro Tag dauert und auf verschiedene Tageszeiten verteilt wird – das Heim in den Abendstunden in Dunkelheit hüllt. Leider konnten die Spender dieser Lampen aus Lieferschwierigkeiten uns nicht die vorgesehenen vorgesehenen fünf Exemplare mitgeben. Im abendlichen Englischunterricht am nächsten Tag konnten wir den Einsatz der Lampen dann schon gut testen.

Neu war an diesem ersten Tag, dass wir auf Anregung von Hermann Schlömer, der im November viele Heime der Patengemeinschaft besucht hatte, am Abend eine Befragung der Kinder durchführten, um einmal zu erfahren, was den Kindern im Heim gefällt, was sie stört und was sie sich wünschen. Jedes der z.Z. im Heim lebenden Kinder haben wir einzeln befragt, ohne dass ein Mitglied der Betreuer zugehört hätte. Die Ergebnisse haben uns z.T. überrascht, aber auch gefreut oder nachdenklich gemacht.

Das, was den Kindern gefällt, ist in vielen Fällen die Gemeinschaft, die Tatsache, dass sie hier Freunde oder Freundinnen gefunden haben, mit denen sie viel Zeit zum Spielen haben. Aber auch der Heimleiter und die Sozialarbeiterin stehen bei vielen Kindern hoch in der Gunst. Des weiteren gefallen einigen Kindern die nach der Schule stattfindenden Zusatzstunden in Englisch und Mathematik. Nicht zuletzt wird auch das Essen gelobt. Nur 13 Kinder geben etwas an, was sie stört. In der Hauptsache sind das Streitigkeiten untereinander, aber auch die strengen Worte der Köchin missfallen einigen.

Die Wünsche der Kinder sind bescheiden. Sie reichen von Schulheften, über neue Schultaschen und eine Schuluniform bis zu neuen Sandalen und etwas Make-up. Nach dieser Befragung, die länger dauert als geplant, ist der Abend schon fortgeschritten.

Ein wichtiger Punkt dieses ersten Tages waren auch die Gespräche mit 2 neuen Zusatzlehrern, die an vier Abenden für jeweils 1,5 Std. Mathematik und Musik unterrichten. Beide sprachen sehr gutes Englisch, so dass wir den Musiklehrer gewinnen konnten, in der Woche zweimal auch Englisch zu unterrichten. Uns geht es hauptsächlich darum, dass die Kinder lernen, auf einfache kurze englische Fragen zu antworten und ein paar Informationen über sich geben zu können.

Auch in diesem Jahr wollten wir nicht auf Gespräche mit den Schulleitern der beiden Schulen, die von all unseren Kindern besucht werden, verzichten. Glücklicherweise liegen beide nicht all zu weit vom Heim entfernt.

Drei Mädchen gehen in die Higher Secondary School, die mit der Berechtigung zum Besuch des College abgeschlossen werden kann. Sie sind die leistungsstärksten Kinder. Die etwas streng aussehende Schulleiterin gab uns gern Auskunft über ihre Schule, zeigte uns Klassenräume und erläuterte uns die Leistungsbewertung. Regelmäßig werden Arbeiten geschrieben und je nach Ergebnisse erhalten die Schülerinnen ein Ranking. Schwache Kinder können täglich zwischen 16.30 und 17.30 Uhr Förderung erhalten. Daneben bietet die Schule Förderkurse an Samstagen und Feiertagen aber auch in den Ferien an. Da die meisten Kinder dieser Schule aus sozial sehr schwachen Familien kommen, nehmen die Social Studies einen wichtigen Platz im Unterricht ein.

Wir erlebten in den sehr großen Klassen nur sehr disziplinierte Kinder, die uns freundlich begrüßten und neugierig anstarrten. Neben PC-Kursen, können die Mädchen in der Schule nähen lernen und erhalten eine Einführung in Kinderpflege.

Die in unmittelbarer Nachbarschaft liegende Christian Middle School besuchten wir zum zweiten Mal. Sie wird von den Kindern bis zur 8. Klasse besucht. Danach wechseln die Mädchen in die Higher Secondary School for Girls, die Jungen in das mehrere Kilometer entfernt liegende Pendant.

Beide Schulleiter berichteten von den jährlich stattfindenden Fortbildungstagen für die Lehrer. 10 Tage sind verpflichtend. An diesen Tagen müssen die in der Schule verbleibenden Kollegen z.T. zwei Klassen zusammenlegen und unterrichten, so dass sie meist Gruppen von über 80 Kinder vor sich haben. Auch die Schulleiter sind zu Fortbildungen verpflichtet, die an Wochenenden und in der Regel einmal im Monat stattfinden Hier erhalten die Schulleitungen Fachfortbildung, beraten Informationen zur Schulgesetzgebung und erhalten Unterstützung in Verwaltungsfragen.

In den Lehrerkonferenzen, die nach dem Unterricht abgehalten werden, tauschen sich die Kollegen über einzelne Schüler, ihre Lernfortschritte und über die Gestaltung des Unterrichts aus.

Die sehr karge Materialausstattung der Schulen wird damit begründet, dass pro Jahr pro Schule mit ca. 1000 Schülern nur etwa 200 € an Materialkosten bereit gestellt wird. Seit neuestem ist es in Indien verboten, Kinder zu bestrafen. Alle Eltern haben das Beschwerderecht, z.B. wenn sie meinen, dass ein Lehrer ihr Kind in zu strengem Ton angesprochen hat. Schläge in der Schule werden mit Gefängnis bestraft.

Von den verschiedenen Häusern, die uns Herr Sutharkar zur Besichtigung vorgeschlagen hatte, bleibt schließlich ein noch im Bau befindliches Projekt, ganz in der Nähe des bisherigen Heims gelegen, übrig. Wir besuchen die Baustelle mehrere Male, messen die Räume aus, drängen darauf, Einblick in die Grundstücksunterlagen zu erhalten und Kosten für die notwendigen Erweiterungsmaßnahmen zu erfahren. Die Verhandlungen mit dem Verkäufer ziehen sich hin, aber wir sind immer mehr davon überzeugt, dass hier eine gute Chance für einen Neuanfang für unser Projekt gegeben wäre. Wir verhandeln in mehreren Etappen und bis fünf Minuten vor unserer Abfahrt.

Das entschiedene Eingreifen des Vorsitzenden der Patengemeinschaft, Herbert Weihmann, der nach Indien kam, als wir im Begriff waren, das Land zu verlassen, hat dann schnell dazu geführt, dass das Haus erworben werden konnte. Herbert Weihmann sorgte dafür, dass die Finanzierung zu rund 50% von der Patengemeinschaft übernommen wird, die andere Hälfte wird durch eingegangene Spenden für Sivakasi aufgebracht. Wir sind ihm und der Patengemeinschaft für diese Unterstützung von Herzen dankbar. So können die Kinder nun schon im Juni umziehen und einer Vergrößerung der Heimkinderzahl auf 30 Tages- und 30 übernachtende Kinder steht nichts mehr im Wege.

Auf unserem Programm standen erstmals Personalgespräche mit den Mitarbeitern. Der Heimleiter, den wir zunächst als relativ unsicher erlebten, hat in den drei Jahren, die er nun schon im Shelter arbeitet, an Sicherheit gewonnen. Er ist zufrieden mit seinen Aufgaben und auch der lange Arbeitstag, von 5.30 Uhr bis 22.00 Uhr, macht ihm nicht zu schaffen. Einmal im Monat fährt er zu seiner Familie in der Nähe von Mylaudy, an der Südspitze Indiens gelegen. Er beschreibt die Arbeit mit dem Team als gut, die Atmosphäre stimme. Er könne inzwischen auch auf ein Netzwerk in Sivakasi zurückgreifen, was er als unterstützend für seine Arbeit erlebe.

Was ihm etwas zu schaffen mache, sei die hohe Fluktuation in der Anzahl der Kinder, er wünscht sich einerseits mehr Kinder im Heim, andererseits möchte er eine stabilere Gruppe haben. Zur Zeit wohnen 23 Kinder im Haus, nachdem wir der Neuaufnahme von zwei Mädchen aus sehr schwierigen Verhältnissen zugestimmt hatten. Jedes neue Kind bringe die Gruppe in Unruhe und es dauere einige Zeit, bis neue integriert seien.

Obwohl er in Mylaudy Austausch mit anderen Heimleitern der dortigen drei Heime der Patengemeinschft hat, wünscht er sich einen organisierten regelmäßigen Erfahrungsaustausch; auch könnte er sich eine Fortbildung mit anderen Heimleitern sehr gut vorstellen.

Mahaleshmi, die Sozialarbeiterin, äußert sich ebenfalls sehr zufrieden mit ihrem Aufgabenbereich. Sie ist täglich ca. 5 Stunden im Haus, immer dann, wenn die Kinder anwesend sind. Neben der Unterstützung bei den Mahlzeiten hilft sie den Kindern bei allen anfallenden Tätigkeiten wie z.B. den Hausaufgaben, liest ihnen Geschichten am Abend vor, tröstet und hilft Streitigkeiten zu schlichten. Sie übernimmt immer dann mehr Verantwortung, wenn der Heimleiter nicht da ist. Auch sie würde sich über einen Erfahrungsaustausch mit Kolleginnen freuen. Schließlich stellt sich das Verhältnis zwischen der Köchin und ihrer Helferin heraus. Wir bitten den Heimleiter dafür Sorge zu tragen, das Problem nicht auszublenden, klärende Gespräche zu führen und ggf. Ansagen zu machen.

Nicht unerwähnt soll die lange Liste der Neuanschaffungen bleiben, die wir zusammen mit den Mitarbeitern des Heimes beschlossen haben und die durch viel zusätzliche Spenden im letzten Jahr möglich gemacht wurden. So soll u.a. die Anzahl der Fahrräder verdoppelt werden. Die Fahrräder sind alle in einem guten Zustand, werden viel genutzt und, wenn nötig, vom Heimleiter repariert.

Die Wünsche der Kinder aufnehmend, soll auch dafür gesorgt werden, dass völlig zerrissene Schultaschen erneuert, Schulhefte und Sandalen gekauft werden. Auch die alten verschlissenen Schuluniformen werden erneuert.

Der z.Z. im Heim befindliche Fernseher hat einen sehr kleinen Bildschirm und ist uralt. Wir denken, dass es sinnvoll ist, ein neues Gerät und lehrreiche Filme anzuschaffen. Daneben gibt es viele kleinere Posten von Dingen, die uns sinnvoll und notwendig erscheinen, wie z.B. ein Druckdampftopf oder eine Reismühle, so dass wir die Bitten, sie anzuschaffen, nicht ablehnten. Insgesamt ergibt sich eine Summe von € 2.000.

Auch in einem nahen Slumviertel – wie in den Vorjahren – sind wir im Verlauf des Besuches gewesen, um nach Kindern Ausschau zu halten, die dort nur herumhängen und nicht in die Schule gehen bzw. von den Eltern nicht ausreichend versorgt werden können.

Zum Schluss möchten wir die Spende von rd. € 8.000 dankend erwähnen, die uns im letzten Jahr anlässlich der Beerdigung von Heike Wulff, der Schwester des Gründers des Kidz Shelters, Jörg Grage, zugeflossen ist. Sie hat nicht unerheblich zur Finanzierung des Hauses beigetragen Euch und Ihnen allen möchten wir ganz herzlich für die zuverlässige Unterstützung unseres Projektes danken, denn wir sehen immer wieder, wie wichtig diese Hilfe für all unsere Kinder ist und wie dankbar sie aufgenommen wird.