Reisebericht 2016

von Hadmut Scholz & Rüdiger Jester

Liebe Freunde, Verwandte und Unterstützer des Slumkinderprojektes in Sivakasi,

Angesichts der Flüchtlingsströme, die seit vielen Monaten Europa überfluten, wurde uns bei unserer diesjährigen Reise nach Indien besonders bewusst, wie wichtig die Arbeit der Patengemeinschaft für hungernde Kinder – zu der bekanntlich unser Kinderprojekt gehört –   in Indien ist. Unser erklärtes Ziel war und ist es, jungen Menschen in ihrem Land eine Perspektive zu eröffnen. Sie soll ihnen Mut machen, sich eine Existenz dort, wo sie geboren sind und aufwachsen, aufzubauen. So soll verhindert werden, dass sie nicht ihr Heil in einem Land  suchen, in dem sie weder mit dessen Sprache, noch mit der dort vorherrschenden Religion, Kultur oder Lebensweise vertraut sind.

Wir waren – wie immer – sehr gespannt, wie wir „unsere“ Kinder und ihre Betreuerinnen antreffen würden. Als wir vorfuhren, standen die Kinder schon am Eingang, um uns mit Blumenkränzen und den üblichen englischen Begrüßungssätzen willkommen zu heißen. Natürlich warteten sie auch ein wenig auf die Süßigkeiten, die wir wie immer zu Beginn unseres Besuches verteilen.

94 Hände wurden uns dann freudig entgegengestreckt, um die kostbaren Mitbringsel in Empfang zu nehmen. Anders als sonst allerdings wurde das Papier nicht gleich von den Schokoriegeln gerissen, um die Köstlichkeiten zu verspeisen. Nein, die meisten Kinder betrachteten die kleinen Geschenke aufmerksam und steckten sie in ein Hemd, in die Blusen oder Hosentaschen, wohl um sie später in Ruhe genießen zu können.

Z. Zt. leben 30 Kinder – davon noch zwei Jungen – im Kidz Shelter und täglich kommen, meist gegen Abend, noch 15 bis 20 Kinder aus den umliegenden Slums, um sich eine Mahlzeit einzuverleiben.

Als es dann dunkel zu werden begann, bekamen die „Slumkinder“ in einer ersten Schicht ihr Essen. Gleichzeitig versuchten wir, mit den im Heim lebenden Kindern ein wenig auf Englisch zu sprechen. Wir stellten einfache Fragen, sie übten sich im Antworten. Allerdings ist dies bei dem schlechten Englischunterricht nicht immer leicht für sie. So wird dann mehr gelacht als gesprochen.

Mit großem Interesse betrachteten wir schließlich auch die Veränderungen im  Haus. So hängen gleich im Eingang auf gelbem Karton die 15 Grundsätze, die das Miteinander der Kinder freundlich und höflich regeln. Wir lassen sie uns vorlesen und bis auf eine Regel können uns die Kinder mit englischen Satzbrocken erläutern, worum es geht. Ja, sie kennen alle Grundsätze und ermahnen sich gegenseitig, wenn jemand dagegen verstößt.

Im letzten Jahr hatten wir einer mit St. Nikolai in Hamburg  befreundeten Kirche südlich von Chennai einen Besuch abgestattet, deren Kinderheime besichtigt und mit vielen ihrer Mitarbeiter gesprochen. Da wir das pädagogische Konzept dieser früheren Danish Lutheran Church – ursprünglich gegründet von zwei deutschen Missionaren – für ihre Kinderheime sehr einleuchtend fanden, hatten wir ihre Ausbilder in enger Abstimmung mit der Patengemeinschaft gefragt, ob sie auch bereit wären, deren indische Heimleiter darin zu schulen. Nachdem ein erstes Training dann im Mai 2015 stattgefunden hatte, waren wir nun sehr daran interessiert zu hören, was von den Inhalten in unserem Heim angekommen bzw. übernommen worden ist.

Wie in jedem Jahr hat Hadmut mit Hilfe von Baby Paul, dem stets hilfsbereiten Leiter des indischen Büros, alle Kinder befragt, was ihnen im Heim gefällt, was sie sich wünschen, was ihnen Kummer macht. Voller Stolz erzählten sie immer wieder, dass nun jedes Kind in einem Ausschuss  sei, deren es drei gibt: das Food-, Cleaning- und Education-Committee. Sie berichteten von ihren regelmäßigen Zusammenkünften und von den Themen, die jeweils unter Anleitung eines älteren Mädchens behandelt würden. Da diese Committee-Idee Teil der Fortbildung für die Heimleiter war, waren wir umso erfreuter, dass sie in Sivakasi bereits gute Früchte trägt. Die Kinder beraten sich nun z.B. über die Sauberkeit im Heim, unterstützen die Mitarbeiter am Wochenende beim Putzen und achten selbst aufmerksam darauf, dass kein Müll mehr herumliegt, der kleine Garten mit Bananenstauden, kleinen Palmen und Blumen sauber gehalten wird, Papier in den dafür vorgesehenen Behältern landet etc.. Insgesamt waren sie froh über die größere Disziplin, die das Leben untereinander offensichtlich erleichtert.

So entspannt und zufrieden wir die Kinder während unseres Aufenthaltes im Heim erlebt haben, waren auch unsere Mitarbeiterinnen. Die drei Frauen, unsere Heimleiterin Nisha, ihre Mutter und die Köchin sind zu einem guten und effektiven Team zusammengewachsen. Jeden Tag gibt es, wenn die Kinder in der Schule sind, eine gemeinsame Stunde, in der die zu erledigenden Aufgaben verteilt und sonstige Probleme diskutiert werden.

In Indien wird der Eintritt der ersten Periode bei einem Mädchens groß gefeiert. So natürlich auch bei diesem Mädchen. Anschließend fuhr sie für drei Tage zu ihrer Familie, in der dieses Ereignis noch ausführlicher festlich begangen worden ist.

Leider mussten wir hören, dass Nisha mit erheblichen Gesundheitsproblemen und äußerst hohen Kosten  für Arztbesuche und  Medikamente zu kämpfen habe. Da es in Indien keine Krankenversicherung gibt, hatte sie kurzfristig einen für sie unverhältnismäßig hohen Kredit gegen Verpfändung ihres Brautschmucks – der entsprechend den in ganz Indien üblichen Brauch aus reinem Gold besteht – aufgenommen. Nachdem wir darauf gedrungen hatten, den Arztbericht zu bekommen, stellte sich heraus, dass ihr Arzt wertlose Vitamintabletten gegen sehr teures Geld verkauft hatte. Nach massiven Druck hat sie inzwischen das gesamte Geld zurückerhalten. Ihr neuer Arzt hat ihr jetzt gegen ihren Blutmangel klassische Medikamente verordnet.

Wie auch in den letzten Jahren schon gab es wieder eine Preisverleihung für die Kinder. So gab es kleine Geschenke für gute Noten in der Schule, für die Leitung der Committees, für erste Preise bei Sportwettkämpfen, für fleißiges Lernen im Heim während der Hausaufgabenzeit usw.. Wie früher waren es Metallbecher zum Trinken, Henkelmänner für das Schulessen, Teller etc., die Nisha liebevoll mit uns im „Haus der 10.000 Töpfe“ – offensichtlich ein Lieblingsgeschäft der Hausfrauen Sivakasis – eingekauft hat.

Ein Höhepunkt unseres Besuchs war neben Tanzvorführungen auch eine Pantomime, die die Kinder mit viel Spaß vortrugen. Es ging um die Abhängigkeit der Menschen heute vom Handy. So wurde eine Hochzeitszeremonie gespielt, in der sowohl der Priester als auch der frisch gebackene Ehemann ständig telefonierten. In einer weiteren Szene im Krankenhaus ist der Operateur ständig am telefonieren, was ihn so ablenkt, dass er schließlich das Handy in den Bauch der Patientin fallen lässt, den Bauch zunäht und erst durch das Klingeln des Handys im Bauch merkt, wo sein Apparat geblieben ist.

Nachdem bereits seit einiger Zeit sämtliche Fenster mit Mückenschutzgittern versehen worden waren, hat eine österreichische Freundin, die in Sivakasi zu uns gestoßen war, in Indien offensichtlich nicht bekannte Insektenschutzvorhänge für sämtliche Türen des Heims  in der Nähstube der Arche Noa in Mylaudy zusammen mit den Näherinnen gefertigt. Für ihre darüberhinausgehende vielfältige Hilfe sei ihr hier ausdrücklich gedankt.

Insgesamt hat sich die Atmosphäre im Heim weiterhin zum Guten entwickelt. Das berichteten besonders die Kinder, die schon viele Jahre bei uns sind. Alle Kinder gaben an, dass sie sehr gern im Heim leben und dass sie lieber hier als zu Hause seien. Nur wenige Kinder haben noch beide Elternteile, die meisten sind Halbwaisen. Wenn ein Vater vorhanden ist, verdient er als Gelegenheitsarbeiter ein wenig Geld; häufig ist er dem Alkohol verfallen. In der Ferienzeit im Mai besuchen die Kinder häufig die Großeltern oder Verwandte, wenn der noch lebende Elternteil sie nicht aufnehmen will oder kann.

Die meisten unserer Kinder kommen nunmehr auf Empfehlung von Lehrern umliegender Schulen, durch Mundpropaganda aufgrund des inzwischen erreichten Bekanntheitsgrades des Heims sowie aus den nahegelegenen  Slumgebieten. Wie wir  bei unseren regelmäßigen Besuchen immer wieder mit Schrecken feststellen, ist das Leben dort äußerst karg, wie man als erstes an den aus Palmenblättern und Plastikplanen gebauten Hütten, dem Fehlen von richtigen Kochstellen, eigenen Wasseranschlüssen und Toiletten feststellen kann.

Bei der Aufnahme eines Kindes wird zunächst von der Heimleiterin der soziale Hintergrund hinterfragt und ein detaillierter Personalbogen angelegt. Außerdem wird eine medizinische Untersuchung veranlasst. Der Personalbogen wird anschließend an das Child Welfare Committee des Bezirks geschickt, das zur Aufnahme seine Zustimmung geben muss. Außerdem kommen jeden Monat Vertreter der Social Welfare Departments, um – neben den regelmäßigen Inspektionen der indischen Mitarbeiter der Patengemeinschaft – den ordentlichen Betrieb unseres Heims zu überprüfen.

Im nächsten Jahr wird sich für zwei Mädchen die Frage der Berufswahl stellen, da sie  ihren Schulabschluss an der Higher Secondary School machen und schauen müssen, ob sie dann in ein College wechseln oder einen praktischen Beruf erlernen. Unsere Mädchen haben im Augenblick Berufswünsche, die letzten Endes leider  nicht alle erreichen werden können, denn sie möchten Lehrerin, Ärztin, Polizistin und in einem Fall Pastorin werden.

Nachdem hinter dem Heim alle Grundstücke bebaut worden sind, würden wir gern das letzte freie Grundstück direkt rechts neben dem Haus erwerben, denn  unsere Kinder können nur noch im Haus spielen. Wir hoffen, dass die Gespräche von Baby mit dem im Ausland lebenden Eigentümer gute Perspektiven eröffnen, wenngleich die Grundstückspreise in der Nachbarschaft inzwischen sehr hoch sind. Allerdings würde die Finanzierung uns noch einige Probleme bereiten.

Insgesamt war der Besuch ein großes Geschenk für uns, denn noch nie haben wir die Kinder – trotz der zum größten Teil desaströsen familiären Hintergründe – so zufrieden mit ihrem Heimleben erlebt.

Mit Ihrer/Eurer Spende haben Sie/habt Ihr wieder dazu beigetragen, dass „unsere“ Kinder ein gutes und liebevolles Zuhause finden, in der Freundschaft und der respektvolle Umgang miteinander gelebt werden kann und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft konkrete Formen annimmt. Aufgrund der erreichten Vollauslastung des Heimes können wir gerade die laufenden  Kosten bestreiten. Außergewöhnliche Belastungen wie ernsthafte Krankheiten von Kindern oder Personal,  größere Wasserschäden wie vor drei Monaten aufgrund sintflutartiger Regenfälle oder Sonderwünsche wie eine Grundstückserweiterung bereiten uns dann deutlichere Bauchschmerzen. Insofern sind wir für Ihre/Eure Treue sehr dankbar. Ebenso danken wir neu dazu gekommenen Spendern für Ihr Vertrauen.

Dafür danken wir Euch /Ihnen von Herzen!

Februar 2016